ZWISCHEN ROM UND SYRAKUS

di Eugen Nestle (1905-1985)

Von Castel di Sangro windet sich der geräumige Kraftwagen in Schlangenlinien östlich nach Capracotta, meinem Ziel, vierzehnhundert Meter hoch. Unvermutet tauchen Schneeberge, im Juli, auf: Monte Amaro, zweitausendachthundert, und Monte Greco, zweitausendzweihundertachtzig Meter hoch. Und dann, fern auf baumloser Hochfläche, das mußte wohl Capracotta sein. Über all dem Schönen vergaß ich, mich zu erkundigen, wo ich wohl die nächsten acht Tage wohnen könne, und doch fuhr der Wagen schon über die Piazza. Ein Mitfahrender schien nur darauf gewartet zu haben und nannte mir die Donna Bianca in dem Haus, wo ein merkwürdiger halbrunder Turm den schmalen Marktplatz abschloß. Dort nahm mir ein verhutzeltes Weiblein strahlend den Koffer ab, während ich durch die Küche auf einen winzigen offenen Balkon trat. Welche Überraschung! Senkrecht stürzten hier hohe Felswände ab, an deren Rand sich die Häuser in dichter Reihe herandrängten. Die Steilwand fällt in ein etwa fünfhundert Meter tiefes breites Tal, aus dem jenseits kahle Hänge mit heckenumrandten Steinfeldern emporsteigen. Und hoch darüber ragen die Schneegipfel des Monte Amaro.

– Hier auf diesem Balkon möchte ich zu Mittag essen – sagte ich zur Wirtin.

Fast entrüstet rief sie:

– Das geht nicht, das hat noch niemand getan. Im Wind kann man doch nicht essen.

Es half mir nichts. In der guten Stube bei geschlossenen Fensterläden, vornehm gedeckt, mußte ihr Ausländer speisen, nicht im Wind. Das war das einzige Mal. Abends aber mußte mir meine Donna nach einigem Kampf am kleinen Tisch auf dem Balkon das Essen auftragen.

  • E. Nestle, Zwischen Rom und Syrakus. Geschautes und Erlebtes, Schröder, Stuttgart 1949, pp. 68-69.

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